ten Sportler schließlich zur Flucht. In dieser Zeit rückte seine sportliche Karriere verständlicherweise in den Hintergrund. Er erzählt: „Das kann man gar nicht in Worte fassen, das war schrecklich. Das Problem ist, man muss hier von null wieder anfangen. Egal ob das der Sport ist, das Lernen, die Arbeit oder die Sprache. Auch die andere Kultur und Mentalität muss man erst mal kennenlernen. Das ist sehr schwer.“ Ein Thema, das auch an Heiko Staack nicht spurlos vorbeigeht, wenn Salama- na davon berichtet: „Da gilt natürlich erst mal die Familie oder auch die Tatsache an sich, dass man aus seinem Land fliehen muss. Der komplette Neuanfang, das ist natürlich sehr schwer. Ich sage immer, wenn es genau andersrum wäre und ich müsste jetzt nach Syrien und Arabisch lernen, ich weiß nicht, ob ich das könnte.“ Seit 2015 lebt und trainiert der syrische Boxprofi nun schon im Saarland. Was ihm neben seinem hohen Maß an Ehrgeiz und Disziplin sehr beim Ankommen half, war der Sport, wie er er- zählt: „Das Boxen hat mir geholfen, mich hier in die Gesell- schaft zu integrieren. Ich habe viele Freunde gefunden und das Wichtigste ist, dass ich meinen Trainer kennengelernt habe.“ Trotz anfänglicher Sprachbarrieren fanden Staack und Sala- mana schnell einen Draht zueinander und der Trainer merkte, dass der syrische Boxprofi schon einiges an Kampferfahrung mitbringt: „Am Anfang war es schon manchmal, dass man sich nicht richtig verständigen konnte, aber mittlerweile ist es wun- derbar. Im Boxen geht auch viel über Handzeichen. Da merkt man ja direkt, ob einer Ahnung vom Boxen hat oder schon mal geboxt hat, und seine Erfolge sprechen ja auch für ihn.“ Dank des intensiven Trainings beim BC Völklingen konnte Salamana auch schnell an seine Erfolge aus der Vergangenheit anknüp- fen. So erreichte er 2017 beispielsweise den zweiten Platz bei den deutschen Boxmeisterschaften und gewann erst kürzlich die Bronze-Medaille beim „Cologne Boxing World Cup 2021“. Wichtige Meilensteine, die ihn schließlich zu einer erneuten Teilnahme an den Olympischen Spielen führten. In Tokio wollte Salamana seine bisherigen Erfolge nun über- treffen und sich gegen die Weltspitze des Boxsports beweisen. Allerdings trat er in diesem Jahr nicht für Syrien an, wie es 2012 in London der Fall war. Dass er in diesem Jahr für das IOC Re- fugee Team in den Ring stieg, sieht der Boxprofi pragmatischer, als man vielleicht vermuten würde. Er sagt: „Die Idee des IOC Refugee Teams finde ich sehr gut. Der Sport ist Sport, aber das Heimatland bleibt auch das Heimatland. Das ist für Sportler wie mich eine große Chance.“ Obwohl Salamana schon zahlreiche Kämpfe auf hohem Niveau ausgefochten hat, war er vor diesem Wettkampf besonders aufgeregt, denn aufgrund seines Alters von 35 Jahren war es seine letzte Chance, an Olympia teilzunehmen. Das verringert den Druck im Vorfeld natürlich nicht gerade. Ein Grund mehr, warum der ambitionierte Sportler alles daransetzte, sich best- möglich auf seine bevorstehenden Kämpfe vorzubereiten: „Momentan machen wir Intensivtraining. Da geht es viel um Ausdauer, Kondition, ein wenig Technik beim Boxen. Die letzten drei Wochen müssen wir richtig Gas geben. Wir trainieren jeden Tag, manchmal auch zwei Mal pro Tag.“ Das sei auch nötig, denn Corona schränkte die Trainingsmöglichkeiten für den Sportler in den vergangenen Monaten stark ein. Er berichtet, dass auf- grund der Pandemie weder Trainingslager noch Wettkämpfe oder Partnerübung möglich waren. Insbesondere diese seien aber wichtig, um Erfahrungen zu sammeln und effektiv zu trai- nieren. Einschränkungen, mit denen seine Gegner bei Olympia nicht zu kämpfen hatten, wie Trainer Heiko Staack erklärt: „Wir sind ja quasi Hobbysportler, wir machen das ehrenamtlich. Die INTEGRATION UND TEILHABE 27 Nationalmannschaften eines jeden Landes durften aber die ganze Zeit trainieren, als gäbe es kein Corona. Das ist ein gro- ßes Problem für uns. Trotzdem haben wir so gut trainiert, wie wir eben konnten, und werden es weiterhin tun.“ Die Tatsache, dass seine Gegner sich besser auf die Kämp- fe vorbereiten konnten, war natürlich ein erheblicher Nach- teil für Salamana. Trotzdem hatte er im Vorfeld eine positive Einstellung und große Ziele: „Mein Wunsch wäre es natürlich, eine Medaille zu gewinnen. Aber das ist nicht einfach. Alle Bo- xer dort sind sehr gut. Das ist die absolute Weltspitze. Aber ich werde es versuchen und gebe alles.“ Wann und gegen wen er in Tokio seinen ersten Kampf antreten wird, wusste Salamana zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Worin er sich aber schon sicher war, ist, wie es nach Olympia für ihn weitergehen wird: „Schon als ich in Syrien war, war es mein Ziel, eine Boxschule zu grün- den. Das ist schwer, aber das ist immer noch mein Ziel. Derzeit mache ich eine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann und wenn ich fertig bin, will ich versuchen, einen kleinen Club zu gründen.“ Seinen künftigen Schützlingen möchte er dann so einiges von seiner Erfahrung mit auf den Weg geben, wie er er- zählt: „Um ein Boxprofi zu werden, muss man fleißig trainieren, Disziplin zeigen und viele Wettkämpfe absolvieren. Es ist aber auch wichtig, sich Ziele zu setzen. Ohne Ziele kein Erfolg. Das können erst mal auch kleine Ziele sein, aber wenn man klein anfängt, erreicht man irgendwann auch die großen. Das ist, was ich jedem jungen Boxer mit auf den Weg geben würde.“ Für eine Medaille bei Olympia hat es für Salamana letztend- lich leider nicht gereicht. Am ersten Wettkampftag stieg er mit vollem Elan gegen den Brasilianer Wanderson de Oliveira in den Ring. Doch bereits in der ersten Runde folgte der Schock: Sala- mana zog sich nach einem Körpertreffer einen Rippenbruch zu, wie sich später im Krankenhaus herausstellte. Mit dieser Ver- letzung hatte er im weiteren Kampfverlauf keine Chance mehr gegen seinen erfahrenen Gegner. Doch trotz starker Schmerzen legte er enormen Kampfgeist an den Tag, brachte den Fight zu Ende und verlor letztendlich nach Punkten. Wir von Sporthei- mat finden das bewundernswert und wünschen Wessam Sala- mana und Herrn Staack weiterhin alles Gute für die Zukunft. l Infos Das Programm „Integra- tion durch Sport“ widmet sich der Aufgabe, Menschen mit Migrationshintergrund sowie sozial Benachteiligte mittels gemeinsamer sportlicher Aktivitäten mehr in die Gesellschaft einzubinden. Durch den gemeinsam betriebenen Sport können sprachliche und kulturelle Barrieren auf spielerische Weise abgebaut werden. „Integration durch Sport“ wird bundesweit als Programm vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) koordiniert und auf Landesebene vom Landessportverband für das Saarland (LSVS) eigenverantwortlich durchgeführt. Das Bundesminis- terium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) sowie das Bun- desamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind Förderer und unterstützen bei der konzeptionellen Ausrichtung des Programms. Programmleiter und Ansprechpartner ist Simon Kirch. Anfragen können über Telefon 0681 3879 153 oder per Mail an sportintegration@lsvs.de gestellt werden. Weitere Infos gibt es unter www.lsvs.de unter der Rubrik Sportwelten sowie unter www.integration-durch-sport.de. 04 | 2021 S V S L : s o t o F