Prof. Dr. Steinbach: Da ich selbst 1980 Opfer des Olympia-Boykotts geworden bin, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie schwierig es für die Athletinnen und Athleten ist, ihre Zukunft zu planen. Für mich bedeutete der Boykott damals das Karriereende ohne meine dritten Olympischen Spiele, denn ich hatte vor, nach den Spielen 1980 aufzuhören. Ich weiß, dass alle Olympiaaspiranten für Tokio 2020 zumindest eine Motivationsdelle erlitten haben, manche sind sogar in ein Motivationsloch gefallen, weil die eigene Planung nicht wie gedacht stattfinden konnte. Wir können alle froh sein, dass es Stand heute nicht zu einem Ausfall der Spiele kommt, sondern nur zu einer Verschiebung ins Jahr 2021. Ich hoffe, dass es dabei bleibt. Vielleicht ist es für den einen oder die andere sogar besser, dass die Spiele 2021 und nicht 2020 stattfinden werden, denn die Form kann auch noch besser werden. Wie haben Sie den Prozess rund um die Verschiebung der Spiele durch das Internationale Olympische Komitee als Vorsitzender der medizinischen Kommission für die europäischen Olympischen Komitees begleitet? Prof. Dr. Steinbach: Wir wurden als Vertreter der 50 Europäischen Natio- nalen Olympischen Komitees in die Diskussion miteinbezogen, aber faktisch war das ja eine global-politische Entscheidung. Die musste natürlich mit allen 206 Nationalen Olympischen Komitees, aber vor allem auch mit dem Gastgeber Tokio vorher abgesprochen werden. Von daher fand ich nicht, dass das IOC sich hat treiben lassen, wie es in manchen Medien dargestellt wurde. Es ist nun einmal etwas anderes, ein internationales Turnier einer Sportart abzusagen, als mit 28 verschiedenen olympischen Sportverbänden diesbezüglich zu kommunizieren. Das hat natürlich ein paar Tage länger gedauert, aber diese Zeit war auch nötig und die Entscheidung fiel meines Erachtens noch zeitadäquat. Die olympische Familie kann dankbar sein, dass Tokio der Verschiebung um ein Jahr zugestimmt hat. Schließlich war alles schon fertig geplant, das olympische Dorf bezugsfähig und es standen sogar schon Folgenutzungen fest. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage aus Sicht des Mediziners? Waren und sind die vieldiskutierten, teils strengen Beschränkungen notwendig? Prof. Dr. Steinbach: Wenn man sich die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse anschaut, gibt es je nach Auslegung derzeit maximal zwei Mil- lionen Menschen in Deutschland, die bereits infiziert waren. Wir ‚brauchen‘ eine Durchseuchung von 60 bis 70 Prozent in der Bevölkerung – das wären rund 50 Millionen Menschen, die entweder bereits infiziert gewesen oder geimpft sein müssten. Und einen Impfstoff wird es so schnell nicht geben. Also befinden wir uns immer noch in einem recht frühen, aber aktuell kontrollierten Stadium dieser Pandemie. Die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen bei einer Infizierung einen schweren Verlauf mit etwaigen Folge- schäden erleiden, ist zwar deutlich geringer, aber sie liegt auch nicht bei Null. Von daher springt man zu kurz, wenn man sagt: Ich bin fit und robust, mich wird es nicht treffen. Was halten Sie davon, dass es aufgrund der Zuständigkeit der Bundesländer zu unterschiedlichen Maßnahmen in den jeweiligen Ländern kommt? Prof. Dr. Steinbach: Ich halte diese Entscheidung für vernünftig. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir regionale und gegebenenfalls lokale Unterschiede machen müssen, wenn es den Verdacht einer zweiten Welle oder exponentiellen Entwicklung gibt. Man muss ja nicht ein ganzes Land unter Quarantäne stellen, wenn es nur in wenigen Landkreisen Probleme gibt. Klar ist: Wir müssen uns an die gebotenen Abstands- und Hygiene- regeln halten. Und das noch eine ganze Weile, nämlich so lange, bis es einen Impfstoff gibt. Schön wäre es, wenn dies vor den Olympischen Spielen 2021 wäre, damit unsere Olympioniken und alle Helferinnen und Helfer um sie herum und am besten auch alle Zuschauer geimpft werden könnten. Bis es so weit ist, brauchen wir im Sport auf der einen Seite gewissenhaftes Verhalten und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu schützen, und auf der anderen Seite das Ziel, den Sport wieder für uns zurückzugewinnen. Hier wird sicher auch der Landessportverband (LSVS) gefragt sein. Wie sehen Sie den aktuellen Stand der Umstrukturierung des LSVS? Prof. Dr. Steinbach: Ich hoffe, dass das Konzept des amtierenden Präsidiums und des neu gewählten Aufsichtsrates, über eine ambitionierte Ausschreibung zwei hauptamtliche Vorstände zu finden, aufgeht und dass der LSVS gute Bewerberinnen und Bewerber findet. Dass die Geschäfts- führung künftig aus zwei Personen besteht und das Vier-Augen-Prinzip gilt, halte ich für richtig und wichtig. Ich hoffe, dass der neue LSVS mit seiner neuen Struktur erfolgreich in die Zukunft gehen kann. Ist die Sportstiftung Saar trotz Corona-Pandemie auch weiter finan- ziell gut aufgestellt? Prof. Dr. Steinbach: Der Förderumfang ist derzeit nicht gefährdet. Die Partner, die uns tragen, tragen uns auch über die Jahre 2020 und 2021. Hierfür möchte ich mich an dieser Stelle auch im Namen der Athletinnen und Athleten für die Verlässlichkeit unserer Partner recht herzlich be- danken. Darüber hinaus hatten wir in den Wochen vor Corona schon einige Vorgespräche mit möglichen neuen Partnern geführt und werden diese Ge- spräche mit Sicherheit fortsetzen, sobald das geht, und hoffen auf weitere Unterstützung. Vielen Dank für das Gespräch. r e t h c i l h c S : o t o F 61